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Trommelfeuer über Bellevue

Um eines vorweg zu nehmen: Nein, ich mochte Christian Wulff früher bereits nicht besonders. Bei seiner Nominierung habe ich mich gefragt, welche Fähigkeiten gerade ihn für das Amt des Bundespräsidenten prädestinieren. Gleichwohl war jedem politischen Beobachter klar, dass es (wie immer) eine parteipolitische Entscheidung war, bei der Angela Merkel mehr als nur Patin stand. Trotzdem hatte ich mich nach seiner Wahl mehr oder weniger damit abgefunden, dass er das höchste Amt des Staates ausführen durfte. Schließlich kann man als Bundespräsident eigentlich nicht sonderlich viel falsch machen. Des Weiteren hatte ich die Erwartung – und auch die Hoffnung, dass er mit seinem Amt wachsen würde. Schließlich hätte man einem Joschka Fischer unmittelbar vor seinem Amtsantritt auch nicht zugetraut, dass er einmal ein guter und anerkannter Außenminister werden würde.

Immerhin eine gute Rede

Wulffs Rede mit der mittlerweile legendären Botschaft „Der Islam gehört auch zu Deutschland“ fand ich sehr treffend und vor allem mutig. Wusste er doch, dass diese Aussage gerade im konservativen Lager eher negativ ankommen würde. Die muslimischen Mitbürger haben seine Rede dafür aber als sehr herzlich empfunden. Ein Bundespräsident, der sich in wichtige gesellschaftliche Debatten einmischt und gleichzeitig integrativ wirkt, entspricht aus meiner Sicht durchaus dem Profil, das ein solcher Staatsmann haben sollte. Ansonsten konnte Wulff keine großen Akzente setzen. Aber auch das musste man ihm nicht unbedingt übel nehmen. Schließlich befindet sich seine Amtszeit ja noch am Anfang.

Der Aufzug fährt nach unten – Wulff zeigt sein wahres Gesicht

Als die Kreditaffäre dann Mitte Dezember publik wurde, hätte ich nie gedacht, dass ein solch pragmatischer, gediegener, irgendwie bieder wirkender Politiker wie Wulff derart naiv, arrogant und wirklichkeitsfremd mit Vorwürfen umgeht, die ihm gegenüber vorgebracht werden. Er ist schließlich kein Politnovize, der nicht weiß, wie der Hase läuft. Welche Grenzen man einhalten und wie man mit den Medien umgehen muss, war ihm sehr wohl bekannt. Notfalls hätte er in PR-Angelegenheiten seine Frau befragen können, die sich ja bekanntermaßen mit diesem Thema aufgrund ihres Berufes exzellent auskennt.

Seine Fehlerkette hat Thorsten in seinen Artikeln sehr gut herausgestellt. Mehr als einmal in den letzen Wochen war ich geneigt zu sagen: „Ist ja auch mal gut jetzt“. Bei Wulffs erster Entschuldigungsrede – kurz vor Weihnachten – schien aus meiner Sicht die Sache weitestgehend ausgeräumt. Dann kam sein Wutanfall auf Kai Diekmanns Mailbox, als er unverhohlen dem mächtigen Springer-Konzern mit „Krieg“ gedroht hat, falls der Artikel veröffentlicht wird. Nicht dass ich grundsätzlich mit BILD & Co. sympathisiere – im Gegenteil. Aber hier wurde eindeutig eine rote Linie überschritten. Im TV-Interview sah ich dann einen teils demütigen, teils dreist argumentierenden und in die Opferrolle schlüpfenden Präsidenten, dessen Körpersprache auf mich eher irritierend wirkte, was vielleicht damit zu erklären war, dass er sich in einem echten Kreuzverhör befand und permanent Angriffe der beiden Journalisten abwehren musste. Zugegebenermaßen: keine leichte Situation.

Kein Ende der Salamitaktik und ein Riesen-Fettnäpfchen

Dieses Interview, in dem er so menschlich wie möglich wirken wollte, war somit alles andere als ein Befreiungsschlag. Denn täglich tauch(t)en neue Details auf. Manches stammt aus der Kreditaffäre – aber auch bezüglich seiner versuchten Zensur bei der BILD-Zeitung werden neue Fakten bekannt. Denn auch dem Vorstandsvorsitzenden der Axel Springer AG, Mathias Döpfner, wurde mit unangenehmen Konsequenzen gedroht. Somit kann man die These „da ist ihm beim Anruf auf Diekmanns Mailbox mal der Gaul durchgegangen“ nicht mehr gelten lassen. Nein, Wulff hat mit Kalkül alle Machtregister gezogen, die er ziehen konnte. Aber er scheint die Geschichte einfach aussitzen zu wollen, was selbst bei seinen Mitarbeitern nur noch Kopfschütteln hervorruft. Bei der Erläuterung seiner Vogel-Strauß-Taktik verwendet er wieder die Kriegsrhetorik, in dem er verlautbaren lässt, dass er das „Stahlgewitter“ bald vorbeiziehen sehe. Er hätte ja so viele Metaphern wählen können, die seine Einstellung entsprechend bildlich gut veranschaulicht. Aber muss es dann diese martialische Wortwahl sein? Abgesehen davon ist „Stahlgewitter“ der Name einer Band aus der Neo-Nazi-Szene, deren Mitglied u.a. Daniel Giese aus der Zwickauer Terror-Zelle war. Damit will ich nicht sagen, dass Wulff dieses Faktum im Moment seiner Äußerung bewusst war. Aber es beweist, wie erbärmlich schlecht und dilettantisch sein Krisenmanagement ist. Des Weiteren zeigt dieser erneute Tritt ins Fettnäpfchen, wie wenig Gespür er für den Ernst der Situation entwickelt hat. Ein weiterer Mosaikstein, der zur Demaskierung des netten, smarten Politikprofis Christian Wulff beiträgt. Das Bild setzt sich also nach und nach zusammen.

Ein Abbild unserer Gesellschaft? Bitte nicht!

In der gestrigen Ausgabe der Talkshow „Günther Jauch“ wurde u.a. thematisiert, dass Christian Wulff kein Vorbild, sondern eher ein Abbild unserer Gesellschaft darstellen sollte. Tatsächlich? Ich dachte immer, dass ein Mensch, der solch ein hohes Amt inne hat, als Vorbild fungieren sollte. Natürlich ist Christian Wulff auch ein Mensch mit entsprechend menschlichen Fehlern. Das ist aber meines Erachtens ein Totschlagargument. Denn wenn man über Verfehlungen in Form von Machtmissbrauch, Missachtung der Pressefreiheit, Vorteilsnahme, Verschleierung, Selbstmitleid und Taktlosigkeit bei solch einem repräsentativen Amt einfach hinwegsieht oder laxe Maßstäbe ansetzt, dann weiß ich nicht, wen wir uns dann als Bundespräsidenten wünschen sollen. Dann könnten wir ja gleich auch Bushido nehmen. Schließlich hat der auch seine Fehler und bereut manche Dinge, die er in der Vergangenheit gemacht hat.

Sehr geehrter Herr Wulff, bitte tun Sie sich und dem Ansehen dieses Amtes einen Gefallen und treten Sie endlich zurück. Am Maschsee (nein, nicht Maschmeyersee) soll es ja auch recht schön sein.


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