Archiv für den Monat November 2011
Geschrieben von: Thorsten Schäfer »
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Die Spatzen pfeifen es bereits von den Dächern. Zwar wird auch ein wenig dementiert. Aber im Grunde genommen scheint es kein Geheimnis mehr zu sein, dass Bundeskanzlerin Merkel und Frankreichs Staatspräsident Sarkozy an einem Vertragswerk arbeiten, welches der Stabilisierung der Euro-Zone dienen soll. Ob im stillen Kämmerlein oder weniger geheim spielt dabei nur eine untergeordnete Rolle. Denn letztendlich geht es darum, dass die derzeit herrschende Euro- und Staatsschuldenkrise ein einmaliger Vorgang bleibt. Zukünftig sollen vertraglich geregelte automatische Mechanismen eine vergleichbare Situation bereits im Keim ersticken können. Das kratzt an den nationalen Souveränitätsrechten. Doch eine gemeinsame Währung erfordert ohne Zweifel auch eine abgestimmte Politik. Das ist keinesfalls überraschend. Denn dass die jetzige Krisensituation auch in einem Konstruktionsfehler des Euros begründet liegt, nämlich die Währungsunion einer politischen Gemeinschaft voranzustellen, wird nur von wenigen Beobachtern bestritten. Bemerkenswert ist einzig, dass Deutschland und Frankreich zur Not einen Alleingang in Betracht ziehen – also einen Vertrag abseits der europäischen Institutionen direkt zwischen den Nationalstaaten nach Vorbild des Schengener Abkommens.
17 Regierungen, 17 Parlamente…
Der Vorschlag wird wohl nicht überall auf Jubelstürme stoßen. Schon wird auch davon gesprochen, dass Merkel und Sarkozy dabei sind, Europa in eine Zweiklassengesellschaft zu spalten. Vor allem die Tatsache, dass im Falle einer Uneinigkeit innerhalb der Europäischen Union (EU) die Verträge bi- bzw. multilateral abgeschlossen werden sollen, wird den Unmut in einigen Staaten schüren. Zu Recht? Natürlich sollte das vornehmliche Ziel darin liegen, dass die 27 EU- bzw. 17-Euro-Staaten auf einen gemeinsamen Nenner gebracht werden. Doch ist dieses Ziel realistisch? Ziehen wir nur einmal die 17 Staaten der Eurozone heran. Ein gemeinsames Vorgehen erfordert die Einigkeit aller betroffenen Nationen – der Beschluss müsste also einstimmig erfolgen. Das bedeutet, dass sich zunächst 17 Regierungen einigen und anschließend 17 Parlamente das Vertragswerk ratifizieren müssten. Dazu kommen in einigen Ländern Volksabstimmungen, die eine Durchsetzung nochmals torpedieren könnten. Tanzt nur ein Land aus der Reihe, so ist das Vorhaben faktisch gescheitert. Übertragen auf die gesamte EU müssten 10 weitere Staaten mit eingefangen werden. Hier würde die Übertragung von weiteren Zuständigkeiten und Rechten auf die europäische Ebene wohl spätestens am Widerstand Großbritanniens scheitern.
Der eingeschlagene Weg ist richtig!
Gut möglich, dass sich Merkel und Sarkozy mit ihrem Vorhaben den ein oder anderen (zusätzlichen) Feind gemacht haben. Doch in Anbetracht der kritischen Situation, in der sich Europa befindet, ist es nicht an der Zeit, auf alle denkbaren Befindlichkeiten Rücksicht zu nehmen. Einst haben viele Staats- und Regierungschefs beschlossen, den Euro einzuführen. Dass dazu auch eine gemeinsame Wirtschafts- und Finanzpolitik gehört, war wohl vielen Entscheidungsträgern bewusst. Unternommen wurde in diese Richtung in der Vergangenheit jedoch herzlich wenig. Jetzt, wo das Kind in den Brunnen gefallen ist, hat man erkannt, dass es nicht mehr anders geht. Wer jedoch davon überzeugt ist, man bekommt ohne Weiteres 17-27 Staaten auf eine Linie, der träumt einen schönen aber gleichzeitig unrealistischen Traum. Deshalb ist es richtig, dass Deutschland und Frankreich, der Motor Europas, selbst die Initiative ergreifen. Es ist der erste Schritt hin zu einer Konstruktion, die man bisher „Kerneuropa“ oder „Europa der zwei Geschwindigkeiten“ nannte. Ob man die Union damit spaltet? Nicht mehr, als man es eh schon tut. Europa, respektive die EU, ist schon längst eine Zwei- bis Dreiklassengesellschaft. Oder können wir etwa von vergleichbaren Lebensverhältnissen in Belgien und Rumänien sprechen? Das Erweiterungstempo war schlicht und ergreifend zu hoch. Wer „mehr Europa“ möchte, der muss nationale Rechte abgeben. Wer dazu (noch) nicht bereit ist, der bleibt zunächst außen vor. Schlimm ist das nicht. Schlimm wäre es jedoch, wenn gar nichts passiert. Das würde dem europäischen Gedanken mehr Schaden zufügen, als jegliche Planspiele, die in Richtung „Kerneuropa“ zielen.
Geschrieben von: Wikinger »
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Seit ein paar Wochen reibt sich der politisch interessierte Bürger verwundert die Augen. Die Koalitionsparteien FDP und CDU setzten bzw. setzen nacheinander die Einführung eines (gesetzlichen) Mindestlohns auf ihre Agenda. Ein Thema, auf das eigentlich „Die Linke“ das Copyright besitzt und das auf Seiten von Schwarz-Gelb eher als Teufelszeug galt. Doch die Parteivorsitzenden Lötzsch und Ernst brauchen sich nicht um ihr potentielles Pfund im nächsten Bundestagswahlkampf zu sorgen. Denn die Beschlüsse des Leipziger CDU-Parteitages haben mit dem Mindestlohn im eigentlichen Sinne nichts zu tun.
Wenn man sich in den letzten Jahren intensiv mit der Debatte um dieses Thema befasst hat, dann erkennt man beim jetzigen Entwurf sofort, dass die CDU den Kern der Problematik, das Lohndumping, nicht bekämpft, sondern höchstens an der Oberfläche ein wenig kratzt. Im Grunde genommen geht es nämlich darum, einer großen Anzahl von Menschen den Zugang zu einem menschenwürdigeren Leben zurück zu geben. Die Politik muss hier den Rahmen vorgeben, sonst wird sich fundamental nichts ändern. Es widerspricht einfach dem Selbstverständnis eines reichen Landes wie Deutschland, das derart viele Vollzeitkräfte von Ihrem Lohn alleine nicht leben können. Wenn ein beträchtlicher Teil der Arbeitgeber den Menschen nur als Kostenfaktor sieht und geradezu zwanghaft zu allererst am Arbeitnehmer spart, um die eigenen Gewinne zu maximieren, kann man das nur als asoziales Verhalten bezeichnen. Wenn der Staat dann auch noch den Lohn von 1,4 Millionen Menschen (Tendenz steigend) aufstocken muss, dann stimmt etwas in unserem System nicht. Und nicht nur das – die sozialen Ungleichgewichte werden über kurz oder lang eine Gesellschaft zerreißen, wenn auf der anderen Seite mit Billionen jongliert wird, um schlecht haushaltende Staaten oder zockende Banken zu retten.
Wieder einmal soll es eine Kommission richten
An dieser Wurzel – nämlich die gesellschaftliche Balance wieder herzustellen – hätte man die Axt ansetzen müssen. Stattdessen hat Angela Merkel diesen Wischi-Waschi-Beschluss durchgesetzt, nur um nicht den Wirtschaftsflügel der Union respektive die Wirtschaft selbst inklusive den einflussreichen Arbeitgeberpräsidenten Hundt zu vergrätzen. Für die nicht tariflich organisierten Arbeitnehmer soll also eine Kommission (was auch sonst) eingesetzt werden, die dann eine Lohnuntergrenze festlegen darf. Wie hoch diese Grenze sein soll, ist nicht genau definiert. Dazu soll noch einmal nach Region und Alter differenziert werden, wie hoch der Lohn taxiert wird. Als wenn eine faire Bezahlung vom jeweiligen Standort des Arbeitnehmers und vom Alter abhängen würde. Man bleibt so vage, wie es nur irgendwie geht. Jetzt hat die FDP auf ihrem Profilsuche-Parteitag am letzten Wochenende bereits signalisiert, dass sie sich gegen einen flächendeckenden Mindestlohn aussprechen will. Rösler und Lindner rudern auch hier wieder entgegen erster – wenngleich im Nachhinein halbherziger – Ankündigungen von vor wenigen Wochen zurück. Schließlich muss die rebellierende Basis im Zaum gehalten werden. Entsprechend kann man sich jetzt schon einmal ausmalen, wie sehr der lasche Antrag der CDU in den Verhandlungen mit der FDP noch mehr verwässert werden wird. Wahrscheinlich wird man, wie beim Basar, um jedes 10-Cent-Stück bei der Festsetzung der Höhe feilschen. Wir erinnern uns alle noch an die unsäglichen Hartz-IV-Verhandlungen im vergangenen Jahr.
Angela Merkel – das personifizierte Fähnchen im Wind
Jetzt mögen viele Beobachter sagen, dass es eh schwer vorstellbar war, dass die CDU nun mit einem Schlag einen flächendeckenden Mindestlohn einführen will. Aber auf eine 180-Grad-Wende mehr oder weniger kommt es jetzt auch nicht mehr an. Schließlich hat die Union in den letzten beiden Jahren bereits einige Male ihre Prinzipien kassiert. Wehrpflicht heilige Kuh, dann nicht mehr zeitgemäß, Atomkraft ja bitte – dann nein danke, Griechenland auf keinen Fall helfen und dann doch, Vergesellschaftung der europäischen Schulden niemals, dann doch, Hauptschule muss bleiben, dann wieder nicht…. Die Liste lässt sich noch weiter fortführen.
In der Politik von CDU/CSU ist keinerlei Stringenz zu erkennen. Dafür ist die Beliebigkeit der Standpunkte die einzige Konstante der bisherigen Legislaturperiode. Angela Merkel ist einmal als Kanzlerin angetreten, um „Politik aus einem Guss“ zu machen. „Durchregieren“ wollte sie. Unter ihrer Kanzlerschaft wurde allerdings bislang keinerlei gesellschaftlicher Entwurf oder gar Vision ersichtlich. Auch wenn sie gestern in Leipzig viel Applaus von den Delegierten erntete, ist der Kompromiss zum Mindestlohn eine Mogelpackung. Denn es wird suggeriert, dass es Hoffnung für denjenigen Teil der arbeitenden Bevölkerung gibt, der weitestgehend um seine Würde kämpfen muss. Wer geht schon gerne zum Amt und bittet um die Aufstockung seiner Bezüge? Diese Menschen haben eine bessere Zukunft verdient. Die Chance dazu wurde erst einmal verpasst. Die Politik sollte nicht weiter falsche Hoffnungen schüren, sondern echte Lösungen anbieten. Dazu sind alle Parteien im Bundestag aufgefordert.
Geschrieben von: Thorsten Schäfer »
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Seit dem gestrigen Abend ist es gewiss: Silvio Berlusconi verlässt die große politische Bühne und tritt von seinem Amt als italienischer Ministerpräsident zurück. Der innen- und außenpolitische Druck war am Ende wohl zu groß, als dass er diese erneute Krise irgendwie hätte aussitzen können. Mit Berlusconi geht jener Mann, der Italiens Politik in den letzten 17 Jahren wesentlich mitbestimmt hat. Mit Berlusconi geht jener Mann, der über 50 Vertrauensabstimmungen im italienischen Parlament – teils auf mysteriöse Art und Weise – überstehen konnte. Mit Berlusconi geht aber auch jener Mann, der wie kaum ein anderer europäischer Regierungschef mit dem Gesetz in Konflikt trat und von Skandalen umwittert war. Außerhalb Italiens verwundert es durchaus, dass er überhaupt jemals ein derart hohes politisches Amt erlangen konnte. Denn sein Lebenslauf liest sich wie die Chronologie eines Kriminellen.
Zahlreiche Anklagen
Berlusconi wurden (und werden) Vergehen vorgeworfen, für die er hätte zur Rechenschaft gezogen werden müssen. Einer rechtskräftigen Verurteilung konnte er oftmals nur entkommen, da der entweder amnestiert wurde (oder besser: da er ein Amnestiegesetz auf den Weg brachte), die Beweise nicht ausreichten oder der Fall verjährt war. Hier reden wir über Meineid, Bilanzfälschung, Steuerbetrug, Schmiergeldzahlungen oder Richterbestechung. Hinzu kommen Vorwürfe, bei denen die Untersuchungen eingestellt wurden oder Ermittlungen noch im Gange sind: Illegale Aneignung, Drogenhandel, illegale Preisabsprachen, Beteiligung an Mafia-Anschlägen, Geldwäsche, Amtsmissbrauch, Förderung der Prostitution Minderjähriger („Ruby-Affäre“). Aus Berlusconis Sicht ist dies natürlich alles an den Haaren herbeigezogen und Teil einer Verschwörung bzw. eines kommunistischen Komplotts…
Endlich!
Und nun ist er – hoffentlich für immer – Geschichte. Durch seine Politik geriet Italien europaweit immer weiter ins Abseits. Gerade in der zurzeit herrschenden Euro- und Staatsschuldenkrise war Berlusconi vor allem ein Hindernis für sein eigenes Land. Statt um „Bunga Bunga“ geht es nun wieder um harte Fakten sowie eine Politik, mit der sich Italien wieder Vertrauen verschaffen kann. Berlusconis Rücktritt ist eine Wohltat für ganz Europa und vor allem für das italienische Volk. Letzteres muss sich allenfalls den Vorwurf gefallen lassen, wie es ihm bzw. seinen Parteienbündnissen insgesamt drei Mal ein demokratisches Mandat über die Parlamentswahlen geben konnte. Doch wir wollen nicht mit Vorwürfen zurückblicken. Italien hat jetzt die Chance, eine international angesehene und handlungsfähige Regierung zu installieren. Bleibt noch zu hoffen, dass Silvio Berlusconi für seine Vergehen endlich auch vor italienischen Gerichten zur Rechenschaft gezogen wird.
Geschrieben von: Thorsten Schäfer »
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Etwas mehr als einen Tag ist nun her, das der griechische Ministerpräsident Giorgos Papandreou mit der Ankündigung aufschreckte, dass die kürzlich getroffenen Maßnahmen zur Rettung seines eigenes Landes noch per Referendum bestätigt werden sollen. Das überraschte viele Beobachter – und auch wohl die meisten Staats- und Regierungschefs innerhalb der Eurozone. Denn gerechnet hat damit offenkundig niemand. Wenn die gesetzlichen Grundlagen für ein Plebiszit vorliegen werden, dann wird es auch wohl noch etwas dauern, bis die Griechen zur Abstimmung schreiten. Dieses Jahr ist damit wohl keinesfalls mehr zu rechnen. Bis Januar 2012 ist jetzt erst einmal weitere Verunsicherung angesagt.
Demokratie pur? Oder nur Mittel zum Zweck?
Wir brauchen uns gar nicht darüber zu streiten, ob eine Volksbefragung das demokratischste aller politischen Mittel ist oder nicht. Ja, das ist sie – ohne Zweifel. Aber ist jetzt tatsächlich die Zeit gekommen, eine philosophische oder intellektuelle Grundsatzdebatte über direktdemokratische Elemente zu führen? Ich selbst bin ein glühender Anhänger von Volksentscheiden. Aber diese Diskussion ist – wenn überhaupt – allenfalls ein Nebenkriegsschauplatz. Sie gehört nicht hierher; schon gar nicht zu dem vorliegenden Fall und zum jetzigen Zeitpunkt, in dem es um alles oder nichts geht! Wir befinden uns schließlich nicht in einem Diskurs, in dem es darum gehen soll, wie wir Verfassungen bürgernäher gestalten können. Insofern ist auch die von Papandreou angebrachte Argumentation, dass die Einbeziehung des Volkes die bestmöglichste Variante der Bürgerbeteiligung ist, nichts anderes als ein Todschlagargument. Direkte Demokratie ist für ihn vordergründig Mittel zum Zweck, um sich gegenüber der heimischen Opposition zu profilieren. An dieser Stelle schon einmal einen schönen Gruß im Namen der deutschen Bevölkerung an das Mittelmeerland. Denn wenn wir hier vor Ort per Referendum darüber abstimmen würden, ob wir für Griechenland (und andere Staaten) bürgen wollen oder nicht, so würde wohlmöglich kein einziger Cent nach Athen überwiesen werden. Das stelle ich hiermit wertfrei fest – in Zweifel ziehen möchte ich die Hilfen für Griechenland damit keinesfalls. Zumindest nicht grundsätzlich…
Nun ja, jetzt hat Papandreou nun einmal so entschieden – das Volk wird das letzte Wort haben. Neben den Folgen für die Finanzmärkte und andere europäische Staaten („Dominoeffekt“) sollten wir nicht außer Acht lassen, wie stark der griechische Regierungschef mit seinem rein innenpolitisch motivierten Vorgehen das Verhältnis zu den europäischen Partnern auf eine ernsthafte Probe stellt. Niemand kann mir erzählen, dass Papandreou nicht schon am Rande des Brüsseler Krisengipfels in der vergangenen Woche gewusst hat, dass er eine Befragung des Volkes in Erwägung zieht. Mitgeteilt hat er dies seinen Verhandlungspartnern jedoch nicht. Ein Vorgang, der meines Erachtens ungeheuerlich erscheint. Wie soll zu einem solchen Land denn noch Vertrauen entwickelt werden? Ein Land, das sich einst die Einführung des Euros durch Haushaltsmanipulationen „erschlichen“ hat? Ein Land, das auch in Folge dieser Trickserei heute am finanziellen Abgrund steht und andere mitzureißen droht? Ein Land, dem nun – wider den Europäischen Verträgen – finanziell ausgeholfen wird? Ein Land, welches diese Hilfen annimmt, nur um sie wenige Tage später – ohne Rücksicht auf andere Staaten und Konsequenzen – wieder zur Disposition zu stellen? Ich persönlich weiß nicht, wie viel die übrigen Staaten der Europäischen Union noch vertragen können. Schließlich ist es ja nicht so, dass Deutschland, die Niederlande oder Frankreich die Hilfsgelder vom Festgeldkonto abbuchen. Alle europäischen Staaten müssen selbst Kredite aufnehmen, um das griechische Schuldenproblem in den Griff zu bekommen. So simpel ist das. Einer der wenigen einfach zu erklärenden Umstände im Dickicht dieser Krise.
Verlierer: Das eigene Volk!
Griechenland, dem man zu helfen bereit war (und ist) spielt ein undurchsichtiges Spiel unter dem Deckmantel direkter Demokratie. Ob Papandreou mit dieser Strategie gewinnen kann, werden wir wohl erst in etwa zwei bis drei Monaten wissen. Es bleibt zu hoffen, dass es bis dahin nicht zu spät ist. Zu spät vor allem für das griechische Volk, welches momentan zu leiden hat. Lohn- und Rentenkürzungen, höhere Steuern sowie Einschnitte in allen denkbaren Lebenslagen sind zurzeit an der Tagesordnung. Wohlmöglich hat der Ministerpräsident mit seinem Vorgehen dem eigenen Volk, im schlimmsten Falle sogar der gesamten EU, einen Bärendienst erwiesen. Ich hege keine Hoffnung, dass sich dieser Zustand in naher Zukunft bessert. Auch Neuwahlen in Griechenland werden daran nicht viel verändern. Denn es war einst die derzeitige konservative Opposition, die nur mit gefälschten Zahlen den Beitritt zur Eurozone verwirklichen konnte. Düstere Aussichten. Und das ausgerechnet für das Mutterland der Demokratie.
Geschrieben von: Thorsten Schäfer »
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Wer kennt ihn nicht, den munteren Rate- und Wissensspaß mit Günther Jauch, bei dem der Kandidat bis zu eine Million Euro gewinnen kann. So ähnlich verhält es sich zurzeit mit Griechenland und der dort herrschenden allumfassenden Krise. Einziger Kandidat auf dem Stuhl ist das einst so stolze Volk der Hellenen, vertreten durch ihren Ministerpräsidenten Giorgos Papandreou. Moderiert wird die Veranstaltung seit ungefähr zwei Jahren von den Protagonisten der Europäischen Union. Allerdings geht es nicht um eine läppische Million sonder gleich um eine beträchtliche Milliardensumme. Papandreou steht nun seit einigen Tagen vor der alles entscheidenden letzten Frage, mit deren Beantwortung Griechenland vorerst den finanziellen Kollaps abwenden kann. Nach Ziehung des 50:50-Jokers verbleiben zwei Antwortmöglichkeiten: Griechenland kann nur gerettet werden wenn A) der Schuldenschnitt angenommen oder D) das Land in den Staatsbankrott geschickt wird. Eigentlich ja ganz einfach…
Eine Volksabstimmung wird vom Zaun gebrochen
Betrachten wir die Ausgangssituation: Der Rettungsschirm steht, ein permanenter Sicherungsmechanismus kommt, die griechischen Schulden werden gekappt. Ja, da denkt man tatsächlich, dass in Europa, respektive innerhalb der Eurozone, wenigstens für ein paar Tage Ruhe einkehren müsse. Also – reine Formsache – Papandreou muss eigentlich nur noch „einschlagen“, die Frage mit Möglichkeit A) beantworten – und alles wird (hoffentlich) gut. Doch nein, Politik ist nicht immer rational. Denn in Griechenland soll nach dem Willen des Ministerpräsidenten das Volk das letzte Wort haben und die kürzlich beschlossenen Rettungsmaßnahmen durchwinken – oder auch nicht. Oder um im Ratespieljargon zu verbleiben: Papandreou entscheidet nicht nach bestem Wissen, nein, er befragt das Publikum. Nicht einige wenige Experten sondern gleich die komplette anwesende Runde. Dem nicht genug stellt der Regierungschef auch gleich noch die Vertrauensfrage vor dem heimischen Parlament. Die Abstimmung darüber wird bereits für diesen Freitag erwartet.
Stabilität? Fehlanzeige!
Auf den ersten Blick mag Papandreous Entscheidung durchaus nicht falsch erscheinen. Denn warum sollte nicht der Souverän, also das Volk, darüber urteilen, ob es die einschneidenden Maßnahmen, die nun einmal fast alle Griechen betreffen, durchgeführt werden sollen oder nicht? Würden wir Deutsche es uns nicht geradezu herbeisehnen, dass wir über die eine oder andere Einzelmaßnahme abstimmen könnten? Ja, das würden wir. Aber für Griechenland ist das Referendum eine weitere Fahrt ins Ungewisse. Die Abstimmung wird kaum in den nächsten Tagen erfolgen können. Einerseits, weil ein gewisser administrativer Vorlauf benötigt wird. Andererseits, weil noch gar keine gesetzliche Grundlage besteht. Denn Volksbefragungen in Fragen der Finanzpolitik sind gemäß der griechischen Verfassung gar nicht erlaubt. Die Vertrauensfrage ist zusätzlicher Pfeffer; vielleicht das berüchtigte I-Tüpfelchen. Denn sollte Papandreou diese nicht überstehen und er sich Neuwahlen stellen müssen, dann stehen wir erst einmal vor einigen Wochen bzw. Monaten, in denen das Land von einem lähmenden Wahlkampf geprägt sein wird. Ein Zustand, den sich Griechenland kaum leisten kann…
Wie wird die Welt reagieren?
Wir wollen ja nicht verständnislos erscheinen. Die bisherigen und noch folgenden Sparanstrengungen sind ein massiver Einschnitt für die meisten Bürgerinnen und Bürger in Griechenland. Die massiven Proteste auf Athens Straßen und anderswo sind ein Beleg für die Unzufriedenheit der dortigen Bevölkerung. Die Alternativen sind jedoch dünn gesät. Ich habe jedenfalls noch keinen „günstigeren“ Königsweg vernommen, der für alle Seiten tragbar erscheinen mag. Was sich Papandreou bei seiner etwas undurchsichtig wirkenden Strategie wohl denkt? Der Regierungschef spielt um die „X-Milliarden-Euro-Frage“. Doch anstatt die ihm bekannte richtige Antwort zu nennen, wird er sich einer zeitraubenden und überflüssigen Befragung des Publikums stellen und deren Votum annehmen. Denn das Ergebnis der Volksabstimmung soll verbindlich sein.
Die Konsequenzen sind zurzeit noch unabsehbar. Kann der Schuldenschnitt jetzt überhaupt noch durchgeführt werden? Wie werden sich die anderen Staats- und Regierungschefs verhalten, die erst kürzlich in nächtlicher Sitzung über die (auch für sie) teure Rettung Griechenlands verhandelt haben? Was wird geschehen, wenn die Griechen das Rettungspaket tatsächlich ablehnen und Papandreou mit null Euro nach Hause geht? Wird dann neu verhandelt? Ist Griechenland dann nicht faktisch bankrott? Wer soll dann die griechischen Banken retten? Folgt auf diesen Zahlungsausfall dann nicht der lange befürchtete Dominoeffekt? Mit der Ruhe ist es jetzt einmal mehr vorbei. Denn es gibt keinen weiteren Joker mehr, den Griechenland noch ziehen kann. Man sieht sich – auf dem nächsten Krisengipfel in Brüssel…